Besuch bei den Hobbits – ein echtes Film-Set [New Zealand 1.9]

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Die stinkende Stadt

Die erste Nacht in Rotorua war gut überstanden. Wir schliefen bei offenem Fenster, obwohl wir hinterher gefragt wurden, ob wir wahnsinnig seien, da es in Rotorua doch so stinkt. Das stimmt ein bisschen. Rotorua ist bekannt für seine geothermale Landschaft: z.B. Thermalquellen oder Schwefel, der überall aus dem Boden dampft. Doch weder in unserem Hotelzimmer noch beim abendlichen Spaziergang zu einem Restaurant hatten wir das bemerkt. Schöne frische Luft, alles gut. Wahrscheinlich hatten wir einfach nur Glück mit dem Wind, dass dieser den Geruch von fauligen Eiern nicht über die Stadt wehte. Wir widmeten uns heute aber erstmal etwas ganz anderem. Statt Gestank wollten wir heute einen Hauch glamouröse Filmwelt erleben.

Willkommen in Hobbingen

Besuch im Auenland

Wir fuhren mit dem Auto nach Matamata, eine Kleinstadt mit kaum 6000 Einwohnern. Viel zu sehen gibt es hier nicht, außer ein schön gestaltetes Gebäude der Touristeninformation. Denn die Vorzeige-Attraktion der Stadt liegt etwas außerhalb: auf einer Farm hatte Peter Jackson die Location für sein Auenland gefunden. Und diese steht heute noch und ist für Besucherführungen geöffnet. Als Herr der Ringe-Fan ist das natürlich ein Muss. So oft schon im Film gesehen, so oft schon in Dokumentationen gesehen, ich freute mich sehr darauf.

Die Touristeninformation in Matamata
Eingang des Gebäudes

Wir lösten den Voucher unserer Travel Agency gegen ein Ticket ein, warten kurz auf den Bus und werden dann zur Farm gefahren. Schon bevor wir am Set ankommen fühlen wir uns wie im Auenland: kein Haus, soweit das Auge reicht, dafür zahlreiche Hügel. Leider sind die wegen der Dürre ziemlich gelb. Wären sie grün, hätte es sicher noch besser ausgesehen.

Dürre ums Auenland
Bald sind wir da

Wir wurden an einem kleinen Gebäude rausgelassen, an dem schon andere Leute warteten. Es wurde in Grüppchen eingeteilt, die nach und nach in kleine Busse einstiegen und weggefahren wurden. Im Gebäude, an dem wir warten, gibt es eine Menge Herr der Ringe-Merchandise. Wir stehen aber lieber draußen in der Sonne. Das muss man ausnutzen, zu Hause in Deutschland ist sicher Regen.

Schließlich dürfen wir in den Bus einsteigen und werden zu einem kleinen Platz gefahren. Dort steht ein unscheinbares, leicht hässliches Schild „Welcome to the Hobbiton Movie Set“. Wer mag, darf sich noch einen überdimensionierten Regenschirm als Sonnenschutz mitnehmen, dann geht die Führung los.

Ein wahrer Augenöffner

Und unsere Runde über das Set beginnt ganz großartig, einen besseren Einstieg kann man kaum finden: man betritt die Location über den gleichen schmalen, hohlen Weg, über den Gandalf zu Beginn des ersten Filmes mit seinem Karren ins Auenland reinfährt und es so im Film etabliert. Man sieht nur Gras und Steine, geht durch diesen „Durchgang“ und steht dann mitten im Auenland vor einem Wegweiser, den man auch aus den Filmen kennt, dahinter eröffnet sich ein prachtvoll grünes Panorama. Um Samweis Gamdschies Worte in den Minen von Moria zu zitieren:

Ein wahrer Augenöffner, gar keine Frage.

Man biegt um die Ecke und steht plötzlich mitten im Auenland.

Ja, als Fan stand ich erstmal einen Moment voller Erfurcht herum.

So erklärt unser Tour-Guide zum Beispiel, dass das Set schon ein Jahr vor Drehbeginn für den Dreh vorbereitet wurde. Es wurden vor allem Pflanzen gepflanzt, damit die innerhalb eines Jahres die richtige Größe haben und vielleicht. Die Tour an sich war dann auch sehr schön. Wenn man das Behind the Scenes-Material der Herr der Ringe-Filme schon so oft gesehen hat, dass man es eigentlich schon fast auswendig kann, erfährt man zwar nicht viel neues, doch das ganze live vor Ort, „in Farbe und bunt“ zu erleben, das ist dann doch etwas Besonderes. 

Wegweiser

So erklärt unser Tour-Guide zum Beispiel, dass das Set schon ein Jahr vor Drehbeginn für den Dreh vorbereitet wurde. Es wurden vor allem Pflanzen gepflanzt, damit die innerhalb eines Jahres die richtige Größe haben und vielleicht schon ein wenig herumgewuchert sind. Es wurden aber auch Zäune oder Bänke sowie die Türen aus Holz aufgestellt und hingebaut, damit diese vom Wetter schon so bearbeitet werden, als stünden sie schon immer dort. Damals wie heute arbeiten zahlreiche Gärtner auf dem riesigen Areal, damit auch alles schön aussieht.

Echtes Gemüse – und so viele Details!

Man spürt es im Film, dennoch sieht man es nicht: die Liebe zu den kleinsten Details. Denn davon gibt es hier so viele. Nicht nur, dass es so viele sogenannte Smials, die Hobbithöhlen, gibt. Von denen viele gar nicht im Film zu sehen sind und die meisten gar nicht von nahem. Und trotzdem sieht man: hier wurde sich Gedanken gemacht. Hier wurde nicht nur einfach irgendein Set gebaut, hier wurde viel Liebe reingesteckt. Man erkennt zum Beispiel, welchen Beruf die Bewohner der verschiedenen Bauten ausübten. Da gibt es die Hobbithöhle des Schreiners oder des Gärtners, die des Kochs oder eines Fischers. Jedes sieht anders aus. Vor jeder Tür ist ein unterschiedlich gestalteter Vorgarten, es gibt verschiedene Gerätschaften, es gibt einen anderen Briefkasten für jeden. Kein Haus gleicht dem anderen. Wow.

Decke und Krug vorm Haus
Ein Bienenstock auf einer Wiese
Holzkarre und Briefkasten vorm Grundstück
Mörser im Garten
Alte Gießkanne im Garten

Wir kommen an einem kleinen Teich vorbei, daneben ein Gemüsegarten. Unser Guide erzählt uns, dass dieser schon immer echt war. Während der Dreharbeiten und auch jetzt noch kümmert sich ein Gärtner darum, dass in diesem Garten immer etwas wächst, damit es schön aussieht, und real.

Der Garten mit einem kleinen Teich

Wir wandern langsam den Hügel hinauf. Zu unserer Rechten, außerhalb des Geländes, stehen LKW, es wird gebaut. Es kommen noch weitere Hobbithöhlen hinzu, für die Hobbit-Filme wird angebaut (zu diesem Zeitpunkt ist einer schon draußen, zwei kommen noch).

Baustelle im Auenland: in Hobbingen wird angebaut
Hobbithaus

An einem Smial halten wir an. Es ist eines der wenigen, die man tatsächlich betreten kann. Die meisten Türen hier sind nämlich nur Fake. Hier aber kann man reingehen. Also… „reingehen.“ Man kann die Tür einen großen Spalt breit öffnen, im Haus ist ca 1m² Platz, Erde und Schotter auf dem Boden. Nicht so gemütlich. Es ist aber gut, um ein Foto von sich selbst im Hobbithaus zu machen.

Hobbithausfoto. Ich steh schief. Upps.

Besuch bei den Beutlins

Nachdem unsere Tour-Truppe mit der Foto-Session durch ist, nähern wir uns dem Herzstück der Tour: Beutelsend. Dem zu Hause von Frodo und Bilbo Beutlin. Von hier oben hat man eine wunderbare Aussicht, man sieht ganz Hobbingen, die Festwiese mitsamt Party Tree, das Gasthaus Zum Grünen Drachen. Und dann sind wir da: am Gartentor. Dahinter eine Bank, ein paar Stufen und die dunkelgrüne, runde Tür. Wie im Film. Keinen Tag gealtert. Hier hatte im ersten Film das Schild „No Admittance Except on Party Business“ gehangen. Dort hatte Bilbo auf einer Bank gesessen und Pfeife geraucht. Diese Stufen war Gandalf hoch gegangen um an die grüne Tür zu klopfen und hier hat Frodo gestanden. Oder anders gesehen: hier hatte Martin Freeman gesessen, dort hatte Ian McKellen geklopft, da war Ian Holm gestanden und Elijah Wood war zur Tür herein gekommen. Und: hier hatten all die Crew-Mitglieder gearbeitet. Regisseur Peter Jackson spazierte hier mit seiner verschlissenen, mit Gaffa-Tape geklebten Jacke und einer Tasse Tee herum. Kameramann Andrew Lesnie (möge er in Frieden ruhen) war hier als Wuschelkopf mit verschmitztem Lächeln gestanden und hat Kameraperspektiven ausprobiert. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Alan Lee, der als Conceptual Designer weit ab vom Trubel auf einem der grünen Hügel sitzt und mit Bleistift eine Skizze hinkritzelt, die für jeden anderen als Kunstwerk gelten würde.

Beutelsend

Aus dem Tagtraum erwacht, bin ich wieder mitten in unserer Touristengruppe. Jeder will ein Foto von sich am Beutlin’schen Gartentor machen (zur Tür hoch darf man nicht), überall wird sich unterhalten und wenn man seinen Blick über das Örtchen Hobbingen schweifen lässt, sieht man lauter andere Gruppen durchs Auenland streifen. Alle halbe Stunde beginnt hier eine Tour, bis zu 34 Touren am Tag.
Wir bekommen wieder ein paar Hintergrund-Informationen, die man als Fan schon kennt. Wobei ich zugeben muss: nicht alles, was einem hier erzählt wurde, wusste ich schon. Es gibt also durchaus auch noch etwas neues zu hören. Hier in Beutelsend aber nicht, hier wird nur die Geschichte vom Baum auf der Höhle erzählt. Der einzige Baum in Hobbingen, der nicht echt ist. Jedes Plastikblatt wurde einzeln dran getackert. Was für eine Arbeit. Doch es hat sich ja gelohnt, der Baum sieht täuschend echt aus.

Plastikbaum auf Bilbos Haus
Blick über Hobbingen zum Grünen Drachen

Party Tree und Geheim-Pfad zum Gasthaus

Von Beutelsend kommen wir zum nächsten großen Film-Schauplatz: dem Festplatz mit seinem Festbaum. Hier wurde mit der long expected party der 111. Geburtstag von Bilbo gefeiert (und, im Film nicht zu erkennen, der 33. von Frodo). Viele Gäste sind geladen, Merry und Pippin tauchen Feuerwerk klauend zum ersten Mal auf, Sam will nicht mit Rosie tanzen und: Bilbo fragt eine Hobbit-Dame mit vielen Kindern, ob das alles ihre seien, worauf diese nickend zustimmt. Warum ich gerade dieses unwichtige Detail herauspicke? Weil diese Hobbit-Dame von Lori Dungey gespielt wurde, die wir ein paar Tage zuvor in Auckland getroffen hatten, vielleicht erinnert ihr euch an meinen Beitrag von diesem Tag (New Zealand 1.4).
Unter dem Party Tree hatte Bilbo später seine Rede gehalten und war mittendrin mit Hilfe des Rings verschwunden. Und nun standen wir auf dieser Wiese, unter diesem Baum. Für ein Fest war hier nicht aufgebaut, nun standen hier lediglich ein paar Wippen. Schade, dass wir hier nicht länger verweilen konnten. Am liebsten hätte ich mich mit einem Picknick-Korb in den Schatten gesetzt und wäre den Rest des Tages hier sitzen geblieben. Es war einfach zu schön. Nach ein paar Minuten ging unsere Tour weiter. Jedoch muss ich sagen, dass wir nie im Stress waren, nie durch das Set gescheucht wurden. Wir hatten immer ausreichend Zeit, um uns alles anzusehen, Fotos zu machen oder einfach nur da zu stehen und zu staunen.

Wippen auf der Festwiese mit Blick zum Grünen Drachen
Party Tree
Wegweiser

Nach einer weiteren Hobbithöhle ist das nächste und zugleich leider auch letzte Ziel das Gasthaus Zum Grünen Drachen. Der Weg dorthin ist ganz anders als all die Wege, die wir vorher gegangen waren. Er führte durch ein kleines Wäldchen. Man erkannte, dass hier nichts für den Film hergerichtet war. Hier war zwar auch alles sehr schön, doch standen hier viele große Farn-Palmen, die wohl in Hobbingen eher nicht wachsen. Die Wege waren mit Holzbohlen oder Schotter befestigt. Es fühlte sich an wie ein geheimer Pfad, den Frodo und Sam niemals entdeckt hatten. Er war so versteckt, sehr schmal und wie gesagt, völlig out of Hobbiton. Es war wahrscheinlich einfach nur ein Weg für die Crew. Und wieder stellte ich mir vor, wie hier Beleuchter ihre Lampen und riesigen Licht-Diffusoren durch den Farn geschleppt haben, die Leute vom Grip einen Dolly (Kamera-Wagen) durch den engen Pfad bugsierten.

„Geheimer“ Pfad

Schließlich kommen wir zum See, zur Mühle und zur Brücke, die zum Gasthaus führt. War hier nicht gerade eben noch Gandalf mit seinem Wagen über die Brücke gefahren? Wir finden wieder ein paar Details, die man im Film nicht entdeckt hat, wie zum Beispiel ein Warn-Schild am Anfang der Brücke. Und dann betreten wir das Gasthaus.

Blick vom grünen Drachen in Richtung Beutelsend, Mühle und Brücke

Zum Grünen Drachen

Das Gasthaus war noch relativ neu, erst kurz vorher hatte ich davon gelesen, dass es eröffnet wurde. Es stand zwar schon immer dort, doch jetzt konnten die Touristen-Gruppen es auch betreten und darin ein Hobbit-Bier trinken und etwas essen. Eine tolle Idee. Ich nahm an, es war wie ein richtiges Gasthaus bzw. Restaurant: man kann sich etwas zu essen bestellen und verlässt es dann irgendwann, um zum Tour-Start zurück gefahren zu werden. Leider war es aber nicht so. Wir bekamen alle ein Bier oder einen Cider, wer wollte konnte sich noch einen überdimensionalen Cookie oder Scones kaufen. Mehr gab es nicht. Und am Ende mussten wir dann auch alle gemeinsam wieder gehen, damit die Plätze für die nächste Gruppe wieder frei sind.

Zum Grünen Drachen (Blick von der Festwiese über den See)

Im Innern des Gasthauses war es sehr schön. Aber hier darf man kein Film-Set erwarten. Es sieht nicht einmal ansatzweise so aus wie das Gasthaus im Film von innen aussieht. Trotzdem wurde sich hier Mühe gegeben, es könnte auch einfach ein anderes Hobbit-Gasthaus sein. Denn der Hobbit-Stil wurde hier bewahrt: große Fässer, ein Kamin, runde Fenster. Ich habe meinen Cider noch nicht leer getrunken, da müssen wir auch schon gehen. Okay, zu deren Verteidigung muss ich sagen, dass ich 1. sehr langsam trinke und 2. die Hälfte der Zeit fotografierend herum gelaufen war.

Ale oder Cider?
Grüner Drache
Kamin

Zurück in der Realität

Wir gingen schließlich zurück zu unserem kleinen Bus. Zunächst fuhr der uns zum Tour-Start zurück, dem kleinen Gebäude mitten im Nichts, mit dem Merchandise drin. Während wir auf den Bus zurück nach Matamata warteten, tauchte ich darin ein. So viel Merchandise! Und auch so viel, was es online nicht zu bestellen gab. Ich fürchtete mich vor meinem finanziellen Ruin, trotzdem sah ich mir alles an. Und was kaufte ich am Ende? Gar nichts. Denn ich fürchtete mich auch vor einem zu vollen Koffer, der dann wohl zu einem weiteren finanziellen Ruin bei der Gepäck-Aufgabe am Flughafen geführt hätte.

Letzter Blick ins Auenland
Grüner Drache oder Hobbingen?

Unser Bus kam, wir verließen Hobbingen mit Gimli – so hieß der Bus. Beim Blick aus dem Fenster waren die Wiesen nun nicht mehr im satten Grün, sie waren wieder etwas vertrocknet gelblich. In Matamata wurden wir wieder abgesetzt und wir fuhren zurück nach Rotorua, in die stinkende Stadt. Schön war’s in Hobbingen.

Fahrt mit Gimli
Gelb statt grün

Ein kleiner Hinweis noch für diejenigen von euch, die nun auch die Hobbits besuchen wollen: wenn ihr Heuschnupfen habt, nehmt euch irgendwas dagegen mit.
Ich habe keinen Heuschnupfen, habe nie Probleme mit irgendwelchen Pollen, auch noch nie gehabt. Doch dort hatte ich dauernd rote Augen, die tränten. Alex und Katharina hatten das allerdings nicht, nur ich. Komisch. Irgendwas wuchs da also, was bei mir plötzlich nicht so passte.

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