21 Nations – Pro und Contra eines Maori-Abends [Neuseeland 1.13]

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Nach unserem Besuch im Wai-O-Tapu fuhren wir zurück zum Motel und versuchten, die Akkus unserer Fotoapparate noch ein wenig aufzuladen. Viel Zeit hatten wir nicht, denn wir hatten noch einen Termin für den Abend.
Es sollte in ein Maori-Dorf gehen. Katharina hatte sich das gewünscht und wir fanden es nur richtig, sich während der Reise auch mal mit der Kultur der Ureinwohner zu beschäftigen. Unter einem Maori-Dorf stellte ich mir so eine Art Freilichtmuseum vor: Nachbauten von damaligen Hütten, evtl Ausgrabungen, falls es sowas gibt.

Als wir mit der Dame der Travel Agency darüber gesprochen hatten, hatte sie uns bei der Auswahl des Maori-Stammes beraten. Viele dieser Maori-Abende seien völlig überlaufen, zu viele Menschen, zu wenig bekommt man dadurch mit. Daher empfahl sie uns das Mitai Maori Village. Dort seien nur um die 60 Touristen pro Abend. Mit leicht aufgeladenen Akkus fuhren wir also dort hin.

Tradition: Essen aus dem Boden

Wir wurden begrüßt und lernten das Hangi kennen, die traditionelle Art des Kochens der Maori. Nicht zu verwechseln mit dem Hongi – das ist das Begrüßungsritual, bei dem sich die Nasen berühren. Beim Hangi wird das Essen eingewickelt in ein Loch im Boden gelegt. Darunter liegen heiße Steine, durch die die Lebensmittel gegart werden.
Ganz so „traditionell“ sieht es nicht aus, aber aufgrund der hohen Anzahl an Gästen wird es wohl schwierig, so ein großes Erdloch zu finden. Trotzdem bleibt es „original“, denn es ist ein Loch im Boden (wenn auch betoniert) und die Speisen sind eingewickelt (wenn auch in Tüchern und Alufolie statt Blättern).

Hangi – Zubereitung des Essens nach Maori-Tradition

Nachdem wir also schonmal unser bevorstehendes Abendessen besichtigt hatten, gingen wir etwas weiter durch das kleine Wäldchen. Wir kommen an einem kleinen Teich vorbei, den die Maori als „Sacred Fairy Spring“ (heilige Feen-Quelle) bezeichnen. Er leuchtet in einem magischen Blau.

Sacred Fairy Spring

Auf der Webseite beschreiben die Mitai-Maori diese Quelle wie folgt:

„In Maori mythology, some springs were regarded as ‘places where the Gods sprung out of the water’. A priest (Tohunga) would visit the Spring and ask the Gods whether this was an appropriate time to plant crops or make war.

If it was the right time, as legend has it, a column of light like a clear Rainbow would arise from the water. This is how this sacred place got the name Rainbow Springs. It is also the location where the Fairy People (Patupaiarehe) would descend the slopes of Mt Ngongotaha at night to visit the springs and drink from the waters of life.“

Ich versuch’s mal zu übersetzen:
„In der Maori-Mythologie erhielten manche Quellen die Bezeichnung „Plätze, an denen die Götter dem Wasser entsprungen“. Ein Priester (Tohunga) besuchte die Quelle und fragte die Götter, ob es eine geeignete Zeit zum Anpflanzen des Getreides war oder um Krieg zu führen.

Wenn es die richtige Zeit war, so sagt die Legende, würde ein Lichtstrahl wie ein klarer Regenbogen aus dem Wasser aufsteigen. So kam dieser heilige Ort zu seinem Namen ‚Regenbogen Quellen‘. Zudem ist es der Ort, an dem die feenartigen Wesen (Patupaiarehe) in der Nacht die Hänge des Berges Ngongotaha hinabstiegen, um die Quellen zu besuchen und vom Wasser des Lebens zu trinken.“

Ein Besuch im Zoo

Direkt neben der Quelle fließt ein etwas breiterer Bach. Wir Touristen stehen auf beiden Seiten, bis ein langes Boot mit neun grimmig guckenden Maori angepaddelt kommt. Sie rufen singend maorische Wörter im Chor, haben eine Choreographie mit ihren Paddeln und ziehen Grimassen. Es könnte eine eindrucksvolle Vorführung alter Rituale sein, doch sobald sie hinter den Pflanzen hervor in Sichtweite gepaddelt kommen, geht am Ufer die Touristen-Action los: Kaum jemand guckt wirklich zu, alle filmen, alle knipsen gefühlt 38 Fotos die Minute – mit Blitz, während der gesamten „Vorstellung“. Die Atmosphäre, die hier versucht wird, aufzubauen, wird einfach kaputt geblitzt. Klar, wir haben auch ein paar Fotos gemacht, aber reichen denn nicht 2-3? Und kann man – gerade bei etwas, das diesem Volk evtl heilig ist – nicht wenigstens den Blitz ausschalten? Scheinbar nicht. Ich fühle mich wie in einem Zoo. Irgendwie ist mir diese Vorführung unangenehm geworden. Die 9 Männer sind wahrscheinlich bis gerade eben noch in Jeans und T-Shirt rumgelaufen, nun haben sie sich für die Touristen in Leder- und Fellfetzen gekleidet und sitzen schreiend und halbnackt in einem Boot und führen längst nicht mehr existente Sitten vor, um die Touristen zu bespaßen. Irgendwie tun sie mir ein bisschen leid. Später erfahre ich, dass die Männer mit Stolz dieser Arbeit nachgehen, da das Wissen und die Kultur solcher Rituale so nicht in Vergessenheit geraten. Ich fand es trotzdem befremdlich.

Bisschen zu schnell gepaddelt, der Fotoapparat kann nicht scharf stellen…

Zum Glück ist der Spaß auf dem Wasser schnell vorbei und wir gehen durch mit Schnitzkunst versehenen Holzsäulen weiter durch den Wald. Wir kommen zu einer Bühne. Dort stehen alte (bzw nachgebaute) Holzhütten mit Blätterdach, weitere Schnitzkunst (kann man sich wie eine Art Totempfahl vorstellen) sowie noch nicht fertige Boote. Alles sehr ursprünglich und in etwa so, wie ich mir das Village vorgestellt hatte.

Vor der Bühne gibt es mehrere Bänke, auf denen sich unsere Touristengruppe verteilt. Gut möglich, dass es die von der Travel Agency vermuteten 60 Leute sind, trotzdem kommt uns das jetzt hier sehr viel vor.

Maori-Bühne

Es kommen mehrere Frauen und Männer auf die Bühne. Sie erzählen über die Geschichte und Tradition der Maori und spielen manches nach, singen oder führen etwas mit Pois vor (Bälle an einem Seil, die im Kreis geschwungen werden).
Auf der Bühne wirkt das Schauspiel nicht mehr so bemitleidenswert wie im Kanu. Vielleicht gerade deswegen, weil es eine Bühne ist und man dort geschauspielerte Dinge erwartet.

Der Haka – mehr als ein Kriegstanz

Relativ am Ende kommt, worauf sich sicher viele – mich eingeschlossen – gefreut haben: der Haka. Diesen rituellen Tanz gibt es in verschiedenen Formen. Als Kriegstanz, als Begrüßung, als Danksagung… Witzigerweise hatten Alex, Katharina und ich beim Haka alle die gleiche Idee und filmten ihn mit. Sowas ist doch recht eindrucksvoll, das wollte ich „mit nach Hause nehmen“. Aus den drei Videos habe ich eins zusammen geschnitten.

Bitte bedenken: wir haben alle mit kleinen Pocketknipsen gefilmt, bitte kein Hochglanzprodukt erwarten 😉

Nach der Vorstellung gingen wir in eine kleine Halle, in der mehrere Tische standen. Wir verteilten uns auf die Tische, bald wird es hier das Essen aus dem Ofen in der Erde geben. Doch zunächst begrüßte uns ein Maori und begann zu erforschen, aus wievielen Ländern denn die Touristen aus unserer Gruppe kommen. Er macht eine Runde mit seinem Mikrofon und fragt alle Leute nach ihrem Herkunftsland. Erst ist es nur Neuseeland, „One Nation!“ ruft er, es kommt Großbritannien hinzu „Two Nations!“ und China „Three Nations!“ und Australien „Four Nations!“

Gäste aus vielen Nationen

Das „Nations“ spricht er aus wie „Näijschahns“, bis heute haben wir den Klang seiner Ausrufe im Ohr. Auf jeder Sprache kennt er außerdem das Wort für „Schokolade“. An unserem Tisch gibt’s nichts neues, an einem der vorderen Tische hatten bereits Deutsche gesessen. Ich überlege gerade noch, wie er sich die ganzen Schokoladen merken kann, da höre ich ihn schon wieder vom Nachbartisch rufen “Nineteen Nations!” und das passende Wort für die Schokolade. Hatte ich gesagt, dass der Herr ein Mikrofon hat? Er muss also gar nicht rufen, macht er aber trotzdem voller Elan. „Twenty Nations!“ ruft er freudig. Bzw „Tuenti Näijschahns“ – er könnte sich diese Aussprache auch von Dr. Alban abgeguckt haben. Es endet schließlich mit „Twentyone nations, twentyone nations!“ („Tuenti-Wan Näijschahns“), mehr findet er nicht. Er erzählt noch ein wenig über Maori-Traditionen, bis es irgendwann schließlich das Essen gibt. Es lag ein paar Stunden im „Erdofen“, jetzt gab es Buffett. Verschiedenes Fleisch, Kartoffeln und Süßkartoffeln, Gemüse, Reis, Nudeln, diverse Salate und verschiedene Brote. Dazu einige Soßen sowie Desserts.

Katharinas Teller

Während des Essens spielt eine Maori-Band auf einer kleinen Bühne. Für uns eher gewöhnungsbedürftig, da es ein wenig klingt wie Schnulzen-Schlager in maorischer Sprache.

Nach dem Essen gehen wir nochmal raus in die Dunkelheit. Zunächst sehen wir eine Weta an einer Wand sitzen. Dieses u.a. in Neuseeland lebende Insekt ist eine recht große Heuschrecke, die fast 10cm groß werden kann. Unsere ist noch nicht so groß, sie ist vielleicht 3cm – plus die Beinchen. Der Name Weta kommt von den Maori, bei ihnen heißen die Tiere Wetapunga, das bedeutet „Gott der hässlichen Dinge“.

Eine kleine Weta sitzt an einer Wand.

Wir gehen weiter, nochmal zum „Fairy Spring“. Er ist leicht beleuchtet, im klaren Wasser kann man den Kies blubbern sehen. Und schon waren wir zurück in Tourist-City: ein Blitzlichtgewitter ging los, unter dem der kleine, heilige Teich fotografiert wurde. In solchen Fällen würde ich Reisenden gerne einen Basic-Kurs in Fotografie aufzwängen. Ein Abschnitt in diesem Kurs würde so aussehen:
„Das ist Wasser. Wasser spiegelt. Gehe zu einem Spiegel und fotografiere dich über den Spiegel selbst mit einem Blitz. Funktioniert nicht, weil man nur den weißen, hellen Blitz im Spiegel sieht, der dich verdeckt? Richtig. Deshalb wird sich der Blitz auch im Wasser immer spiegeln und du wirst nur eine weiße Fläche auf dem Wasser sehen, nicht was darunter liegt.“

Atmosphäre totgeblitzt

Da diesen Leuten aber dieses Wissen fehlte, dass sich Licht im Wasser spiegelt, mussten auch wir viele Versuche eines Fotos starten, um mal einen Moment „Dunkelheit“ zwischen den Blitzen zu erwischen. Schade eigentlich. Es könnte ein schöner Ort sein, an dem man in der Dunkelheit steht, aufs beruhigend blubbernde, leicht leuchtende Wasser starrt und seine Gedanken schweifen lässt. Stattdessen fühlt man sich eher wie an einem roten Teppich einer Filmpremiere, an der zig Papparazzi unaufhörlich ihre Fotoapparate klackern lassen. Vielleicht sollten die Maori ein Schild aufstellen, welches Fotos mit Blitz verbietet. Dann könnte man die spirituelle Atmosphäre auch auf sich wirken lassen, die dieser Ort mit Sicherheit hat.

Fairy Spring bei Nacht

Damit war unser Besuch im Maori Village bei den Mitai Maori beendet. Alles in allem war es ein sehr schöner und lehrreicher Abend. Und dennoch war es kein Erlebnis, von dem ich sagen kann „Wow, das muss man gesehen haben.“ Es ist ein bisschen zu sehr auf Touristenattraktion gemacht und dadurch nicht mehr so authentisch. Ich wäre lieber durch ein nachgebautes Maori-Dorf gegangen, wo man sich ganz zwanglos alles ansehen kann. Gern auch mit Bühne und Haka, aber vorher ohne unbehagliches Zoo-Feeling, wo sich zig Touristen auf ein Motiv stürzen.

2 Replies to “21 Nations – Pro und Contra eines Maori-Abends [Neuseeland 1.13]”

  1. Interessant, was du da beschreibst – genau aus den Gründen konnten wir uns auch auf der dritten Neuseeland-Reise nicht durchringen, so eine Veranstaltung zu besuchen…

    Liebe Grüße
    Jenny

    1. Vielleicht ja irgendwann beim siebten Mal oder so, wenn man sonst schon alles gesehen hat 😀 Aber es gibt wohl auch noch andere Stämme mit noch weniger Besuchern und ohne so viel Touri-Trara. Das hab ich aber leider auch erst nach meinem zweiten Besuch dort erfahren, sonst hätte ich mir das auch mal angesehen.

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